Freie Theaterszene hat überlebt

Freie Theaterszene hat überlebt

Szenenbild aus „SOS“, einem Jugendstück, das vom Theater Frankfurt inszeniert wurde. Foto: Klemt

Geprägt von internationalen Erfolgen und Gastspielen in der eigenen Stadt

Frankfurt (Oder).
Von seinem Ensemble-Theater hat sich die Kleist-Stadt lange getrennt. Schrittweise wurde es zerstört: erst Chor und Ballett, zuletzt das Schauspiel. Von der Spielstätte, dem früheren Musikheim, blieb eine Ruine. Musiker, Tänzer und Schauspieler in alle Winde verweht, das Flair der Premieren, die Identifikation der Ostbrandenburger mit ihren Künstlern: vorbei. 

Auch für viele Junge Menschen war das ein Schlag ins Gesicht, vor allem jene Nachwuchs-Mimen an den Schulen, die im Theater in der Senke und im Theater im Schuppen bei Jürgen Barber und Frank Radüg mehr lernten, als auf einer Bühne zu stehen. Sie bildeten den Kern der freien Theaterszene in der Oderstadt, zu der heute neben dem Theater Frankfurt (Theater im Schuppen) auch das Theater des Lachens mit seinem speziellen Puppenspiel-Angebot, und neuerdings das Moderne Theater Oderland gehören.

Dabei wurde über die Jahre soviel Vernetzungsarbeit geleistet, so viel Kompetenz und Kreativität gelebt, soviel Standhaftigkeit vor gar nicht selten existentiellen Herausforderungen gezeigt, dass jeder Erfolg nichts als verdient ist. Heute gastieren die  freien Theater in der teuren Theaterhülle, die sich die Stadt im Zentrum errichtet hat und die sonst durch den brandenburgischen Theaterverbund bespielt wird.

Die freien Theater veranstalten Jugendtheatertage und Werkstätten, inszenieren Jugendstücke mit Jugendlichen und führen sie vor Jugendlichen auf, fahren zu internationalen Festavals und kommen mit Preisen nach Hause. Eine Theaterschule für Körper und Bildung wurde gegründet.

Bei den meisten dieser Unternehmungen gibt es neben den eigentlichen Akteuren eine Frau, die sich im Hintergrund hält, aber oft, weil sie die Künste liebt, in den Vorstellungen zu finden ist. Maria Lucas hat die Gerstenberger Höfe geerbt, wo sich einst die Möbelfabrik ihrer Familie befand. Die Verlagslektorin stürzte sich in das Abenteuer der steingewordenen Geschichte. Eine Kulturfabrik - wie der Verein hieß, der bei ihr einzog -, Theater, Kneipen, Ateliers... Diese Träume sind über die Jahre geschrumpft, aber die freie Kulturszene hat überlebt und Maria Lucas hat dabei geholfen. Geld hat ihr das alles kaum gebracht, aber ja,  es hat sie reich gemacht.

Das Theater im Schuppen ist inzwischen zum Theater Frankfurt geworden. Es ist in ein nicht minder geschichtsträchtiges Haus umgezogen, in die Sophienstraße 1. Noch etliche Jahre wird es dauern, bis die Sanierung abgeschlossen ist. Aber Lehr- und Arbeitsstätte war es vom ersten Tag an. Und die Erfüllung eines Traumes, den der Theatergründer Frank Radüg träumte. Seit seiner Jugend schreibt  der Pädagoge Stücke, inszeniert sie, spürt mit Neugier den Themen nach, die auf der Straße liegen oder hinter den Fassaden der Häuser und Menschen. Das Leben und das Theater - zwei Einladungen, die man nicht ausschlagen darf.             Klemt

Kommentare

  1. User
    Ronald Schürg Leipzig, Mo, 29.02.2016 14:23

    Liebe Redaktion! Ein toller Kommentar, weil in der Tat ein Kommentar! Es steht jedoch zu befürchten, dass nur eine kleine Minderheit die Komplexität dieser Zeilen erfasst. Hinzufügen muss man, das Frank Radüg nicht nur eine künstlerische Ausnahmeperson ist, er ist geschäftstüchtig und besitzt kaufmännisches Verständnis. Eine solche Kombination ist mir noch nicht wieder begegnet, ist in der Stadt an der Oder ein absolutes Alleinstellungsmerkmal und wird von den politisch Verantwortlichen nicht entsprechend geschätzt. Ronald Schürg