Garnisonkirchturm soll an Widerständler des 20. Juli erinnern

Garnisonkirchturm soll an Widerständler des 20. Juli erinnern

Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe im Gespräch mit dem Blickpunkt. Foto: sg

Die "Kulturschande" wieder gut machen ist "moralische Verpflichtung"

Der Turm der Garnisonkirche kurz vor seinem Abriss im Sommer 1968. Foto: SGP / Saretz

Potsdam. Im Turm der wieder aufgebauten Garnisonkirche soll ein Museum für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus entstehen. Das sagt Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe,  Kuratoriumsmitglied der Stiftung Garnisonkirche und deutlicher Befürworter des Wiederaufbaus. Nach derzeitigen Planungen ist im Obergeschoss des Turms ein etwa 300 Quadratmeter großer Ausstellungsraum geplant. Hier will Stolpe an die Widerständler des 20. Juli 1944 erinnern, die nach seiner Aussage ihren Sprengstoff in der Kirche versteckt hatten. 20 Männer und Frauen wurden in der Folge vom Nazi-Regime hingerichtet.

Durch den Wiederaufbau des Kirchturms, der nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seiner Sprengung im Jahr 1968 noch als Kapelle für etwa 120 Gläubige diente, würde SED-Unrecht wieder gut gemacht, deshalb sei es "eine moralische Verpflichtung", die "Kulturschande" auzumerzen, so Stolpe im Blickpunkt-Gespräch. Vor dem Abriss im Jahr des Prager Frühlings habe man Angst vor zu vielen Zugeständnissen an die Bevölkerung gehabt. Für Ulbricht sei der Turm eine der zahlreichen Erinnerungen an Preußen gewesen, die man vernichten wollte. Vergessen durch Abriss lautete die Devise.

Der Kirchenmann, der niemals Theologe, sondern Jurist und Politiker war, vergleicht die Sprengung des intakten Turms mit den heutigen Zerstörungen der Taliban. Wie sie versucht auch der Islamische Staat, durch Vernichtung von Kulturgütern Erinnerung zu zerstören und stößt damit international auf Widerstand. Bei der Potsdamer Kirche, die inzwischen längst das Militärische abgelegt hatte und in "Heiligkreuzkirche" umbenannt worden war, haben sich Denkmalschützer unter anderem aus Schweden und der Schweiz, aber selbst aus Moskau für ihren Erhalt ausgesprochen, erzählt Stolpe.

Dennoch haben die Stadtverordneten beschlossen, die Ruine zu beseitigen. Das Ergebnis war allerdings nicht einstimmig - vier Volksvertreter sprachen sich damals gegen eine Sprengung aus. Ihre Stimmen haben ebenso wenig bewirkt, wie die Einwände aus dem Ausland. Für Ulbricht stand das Bauwerk einer neuen sozialistischen Stadt im Weg. Im Juni 1968 war es dann soweit und seither klafft an der Breiten Straße eine große Lücke.

Manfred Stolpe sieht im Wiederaufbau des Kirchturms eine Chance, das Gesamtbild der Stadt wieder stimmig zu machen. Der Turm gehöre genauso zu Potsdam wie das Mercure-Hotel, sagt der mittlerweile 79-Jährige und spricht sich damit für den Erhalt unterschiedlicher Stilepochen aus. Den hölzernen Aufbau mit dem Glockenspiel in der Spitze brauche man dazu nicht unbedingt, eine Rekonstruktion des Turms in der Form, wie ihn viele Potsdamer noch kannten, würde völlig ausreichen, fügt er hinzu. Geplant ist allerdings ein Wiederaufbau bis zur Spitze, doch dafür fehlen noch zwei bis drei Millionen Euro, damit mit dem Bau begonnen werden kann. Eine Baugenehmigung liegt vor und das Rechenzentrum könnte auch stehen bleiben, denn der Turm stand in seiner ursprünglichen Version direkt an der Straße auf einem freien Baufeld.  sg

Kommentare

  1. User
    Fred Potsdam, Fr, 18.12.2015 23:13

    Sehr geehrte Damen und Herren Redakteure! Es ist doch erstaunlich, wie Sie sich trauen, solch einen Artikel zu veröffentlichen! Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie schreiben, es gäbe eine Baugenehmigung. Aber diese läuft aus, noch bevor auch nur ein Bruchteil des Geldes zusammengekommen sein wird. Wie kommen Sie denn auf die fehlende Summe von 2 bis 3 Millionen? Haben Sie diese Zahl irgendwo recherchiert oder behaupten Sie das einfach so? Meines Wissens fehlen eher 20 Millionen, und das auch nur nach der Berechnung der Kosten aus längst vergangenen Zeiten. Und bekanntlich steigen die Baukosten immer recht rasant an, insbesondere die realen Baukosten. Wer soll dann für die Bauruine aufkommen? Und wenn Sie schon die "vielen Potsdamer" zitieren, dann sollten Sie nicht vergessen, dass es ein erfolgreiches Bürgerbegehren in dieser Stadt gegen die Wiederaufbau gegeben hat. Mit freundlichen Grüßen Fred Diemer, Potsdam