Wandervögel und FKK - Lebensreform in Brandenburg

Wandervögel und FKK - Lebensreform in Brandenburg

HBPG gibt Einblick in alternative Lebensweisen vor mehr als 100 Jahren

Kuratorin Christiane Barz führt einmal monatlich durch die Ausstellung. Foto: sg

Potsdam. Alternative Lebensformen und Öko-Bewegung mögen wie eine Entwicklung der Hippie-Zeit erscheinen - doch weit gefehlt! Dass es ähnliche Ansätze zu einem Leben in und mit der Natur bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab, beweist seit Ende der Woche eine neue Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) am Neuen Markt.

Im zunehmend industrialisierten Berlin ging schon damals der Bezug zur Natur mehr und mehr verloren. Vor allem Künstler, Literaten, aber auch Verfechter gesunder Lebensweisen zog es aufs Land, meist an Orte, die nicht allzu weit von der Großstadt entfernt und mit der Eisenbahn zu erreichen waren. So entstanden die ersten alternativen Kommunen, Wohnformen, in denen geteilt und nach bestimmten Grundsätzen gelebt wurde. Körperkultur spielte eine große Rolle und die Scham vor der eigenen Nackheit verschwand. Der Motzener See südlich von Mittenwalde wurde zum Zentrum der neuen Freikörperkultur. Die Wandervogel-Bewegung eroberte von Steglitz aus ganz Brandenburg und wurde zur ersten Jugendbewegung in Deutschland.

Der Reformpädagoge Adolf Reichwein setzt ab 1933 als Grundschullehrer im märkischen Tiefensee nordöstlich von Berlin ein neuartiges Unterrichtskonzept um und erklärt "Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf umso leichter". Sein pädagogisches Konzept erinnert heute an andere Reformer wie Maria Montessori oder Rudolf Steiner, hat sich aber nicht in der gleichen Art durchsetzen können.

Den ersten, Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Landkolonien, wie der "Vegetarischen Obstbaukolonie Eden in Oranienburg folgten weitere Ansiedlungen mit ganz anderen Ideologien, wie bespielsweise die völkische Siedlung "Heimland" bei Rheinsberg, in der auch rassehygienische Überzeugungen eine Rolle spielten. Im Gegensatz dazu stand das erste biologisch-dynamisch geführte Demeter-Mustergut in Bad Saarow, das nach den Grundsätzen Rudolf Steiners von der Familie Bartsch geführt wurde.

In Werder (Havel) hatte sich der Berliner Verleger Karl Vanselow niedergelassen und produzierte im Garten seiner pompösen Villa am Zernsee Aktaufnahmen für seine Zeitschrift "Die Schönheit". Illustrationen lieferte der Jugenstilkünstler Hugo Höppener, der aufgrund großer Treue zu seinem ebenfalls von der Lebensreform begeisterten Lehrer Karl Wilhelm Diefenbach den "Fidus" erhalten hatte.

Das letzte Kapitel der Ausstellung schließlich widmet sich dem Potsdamer Staudengärtner Karl Foerster, der durch seine neuartigen Gartenanlagen und die Einführung der aus England stammenden Staudenzucht in Deutschland ebenfalls Reformen vollzog und lebte. Sein Garten in Potsdam-Bornim hat noch zu Foersters Lebzeiten Neuerungen und Umplanungen erfahren, kann aber bis heute so besichtigt werden, wie der Meister ihn für sich und seine Familie anlegen ließ.

Die sehr ins Detail von der Literaturwissenschaftlerin Christiane Barz recherchierte Ausstellung "Einfach. Natürlich. Leben." ist bis zum 22. November im Rahmen des Kulturland Brandenburg - Themenjahres 2015 "gestalten-nutzen-bewahren. Landschaft im Wandel" im HBPG zu sehen. Jeweils einmal im Monat gibt es Sonderführungen mit der Kuratorin.  sg


Großes Foto: Das Foto von Josef Bayer "Am Motzener See", aufgenommen in den 1920er Jahren (hier ein Ausschnitt) spiegelt den Zeitgeist wider, in dem sich die Lebensreform-Bewegung gebildet hat. / Privatsammlung Hamburg, courtesy Bodo Niemann Berlin


Infos zum Begleitprogramm der Ausstellung gibt es hier.

Zur Ausstellung ist ein ausführlicher Begleitband mit zahlreichen Illustrationen im vbb-Verlag erschienen, der im Museumsshop für 19 Euro erhältlich ist.