Gestreift von einem Hauch der Geschichte

Gestreift von einem Hauch der Geschichte

Rudolf Tiersch ist dienstältester Leiter der Sing-Akademie Frankfurt (Oder)

Frankfurt (Oder).
Von den meisten seiner Vorgänger ist nicht viel bekannt. Wenn sich Rudolf Tiersch nach möglicher Seelenverwandtschaft mit denen befragt, die in den vergangenen zweihundert Jahren die Singakademie Frankfurt (Oder) geleitet haben, schaut er also auf das Dienstalter der Altvorderen. Musikdirektor Leichsenring legte den Grundstein und blieb 22 Jahre am Pult. Der Königliche Musikdirektor Wrede führte 28 Jahre lang den Stab. Da muss einer schon sein Herz an die Sache gehängt haben, weiß Tiersch, der selbst seit fast drei Jahrzehnten der Singakademie vorsteht und damit der Dienstälteste ist.


Von einem Hauch der Geschichte gestreift

Deshalb ist es nicht nur ein Geschenk, sondern auch ein Verdienst, dass  es ihm zuteil wird, mit seinen Chören das große Jubiläum zu begehen. „Da wird man gestreift vom Hauch der Geschichte“, sagt Rudolf Tiersch. „Das ist schon ein erhabenes Gefühl.“


Das Festkonzert Anfang März mit der Uraufführung des von Siegfried Matthus eigens komponierten Werkes „Von der Macht des Gesangs“ wurde dem ebenso gerecht, wie die Aufführung von Händels „Messias“ Ende März in der  Konzerthalle. „Das Festkonzert war ein Riesenerfolg“, freut sich Tiersch. Matthus mit seiner 60jährigen Erfahrung ließ das Publikum die Bedeutung des Tages spüren. Für den „Messias“ ernteten die Sänger stehende Ovationen.


Als zweiter großer Höhepunkt folgt das Festwochenende mit der Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ in der Messehalle am 2. Mai um 16 Uhr. Das Werk gehört seit langem zum Repertoire der Singakademie. Schon 1992 wurde es zu den Frankfurter Festtagen der Musik aufgeführt. Es erklang im Gutshof Nuhnen und im Wildpark Rosengarten vor bis zu 1500 Zuhörern. Deshalb lässt es sich auch gut mit den ehemaligen Mitgliedern der Singakademie einstudieren, von denen fast hundert dem aktuellen Ensemble zur Seite stehen werden. 


Vernetzung wird auch für Musiker wichtiger

Auch Chöre aus der Umgebung wünschten sich, an diesem Ereignis mitwirken zu können. „Dem habe ich gern zugestimmt“, meint Rudolf Tiersch, der dabei die Zukunft im Auge hat, in der auch die Vernetzung unter den Musikern immer wichtiger wird. „Wir sehen uns schon als ein künstlerisches Zentrum, als einen Anlaufpunkt für Chöre. Auch die Stadtentwicklung macht das nötig.“ In schwierigen Zeiten rückt man zusammen. „Deshalb wurde 1930 die Konzertvereinigung gegründet. Auch sie wirkte stadtgrenzenübergreifend“, erinnert Tiersch. 


Am 3. Mai um 16 Uhr steht das Frühlingssingen in der Konzerthalle auf dem Programm. Damit wird angeknüpft an eine jahrzehntelange Tradition. In der DDR gehörte der 30. April diesem Frühlingskonzert mit allen Chören. 


Wenn Tiersch zurückschaut, sieht er nicht weniger als ein Lebenswerk. Unmittelbar nach seinem Musikstudium kam er nach Frankfurt. Seine Arbeit war niemals bloß ein Job für ihn. Sie war auch gelebte Stadtentwicklung. „Die Singakademie hat Frankfurt ein gerüttelt Maß attraktiver gemacht“, sagt er. „Sie konnte so vielen Leuten so viel mitgeben, sie hat den Sängern wie den Zuhörern schöne Erlebnisse verschafft, und immer ist lebendig was wir hier tun.“

Ein Glück nennt er es, damit auch noch Geld zu verdienen. „Es war immer der innere Antrieb, der mich bewegte. Manchmal bis an die Grenzen.“ Trotzdem würde er „fast jedes Opfer bringen“, um die Singakademie am Leben zu erhalten. Denn was ihn viel Kraft gekostet hat, das hat ihm auch immer neue Kraft gespendet.

 
Rudolf Tiersch wünscht sich, dass mehr Menschen sich selbst den Genuss verschafften, den das gemeinsame Singen bringt. Im Knabenchor oder auch bei den Erwachsenen. „Wer mit vierzig Jahren zu uns kommt, kann seine Stimme noch in Ruhe entwickeln.“ Wenn die Kinder aus dem Haus sind, werden Probenlager, Konzerte, Proben wieder zu Verlockungen: Gemeinsamkeit, Neues, Erfolg, den man mit anderen teilt in der ganz besonderen Atmosphäre eines Chores...


Nichts wird schlechter, nur  weil es älter wird

Tiersch pflegt vor allem die klassische Chorliteraur. Es ist eine musische Bodenständigkeit, die zu seinem Temperament passt. „Natürlich haben wir immer auch zeitgenössische Werke aufgeführt. Aber das, was gut war, wird nicht schlecht nur weil es älter wird.“ Noch heute erzeugen manche Werke eine Gänsehaut, können sie das Publikum zu Tränen rühren. Es passiert etwas mit den Menschen und die Sänger erfahren ihre Reaktionen unmittelbar. „Deshalb wollen wir das pflegen und erhalten.“ Denn eigentlich gibt es keinen Grund, weshalb die Singakademie Frankfurt (Oder) nicht weitere 200 Jahre leben sollte.  Klemt

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