Ins Blaue mit der Aldi-Ida

Sommertheater des Frankfurter Kabaretts Die Oderhähne

Die Oderhähne reisen jedes Jahr aus dem Keller in den Biergarten am Haus der Künste. Von dort ging es gelegentlich etwas weiter weg: Die Oderhähne  nahmen ihr Publikum mit nach Italien, Amerika, Sibirien oder auch Hawaii. Mit Augenzwinkern, viel guter Musik und spannenden Geschichten haben Maria, Manne, Ramona und Werni  ihr Publikum bestens unterhalten. Wer die Oderhähne und ihre Sommerstücke in den vergangenen Jahren besucht hat, findet jetzt auch eine fröhliche Hommage an die ersten Biergartenprogramme wieder. Doch auch, wer zum ersten Mal mitreist besucht, wird sich amüsieren. 

Unter der Regie von Wolfgang Flieder und mit Texten von Dieter Lietz, Wolfgang Flieder und Ulli Schreiner geht es auf große Fahrt mit der Aldi-Ida, denn Margit Meller als Ramona hat eine Reise ins Blaue gewonnen. Ihre Freundin Maria alias Dagmar Gelbke trauert zwar noch immer um den verschwundenen Manne, von dem vermutet wird, dass er in Schottland ein Whiskyfass bewacht. Maria lässt es sich dennoch nicht nehmen, lustvoll und neugierig die (Männer-)Welt zu entdecken. Natürlich ist auch Werner (Wolfgang Flieder als liebenswürdiger Alltagsmuffel mit großen Durst)  an Bord, der lieber in seinem Angelkahn bei Frankfurt säße. Bodenständig, resolut und manchmal schwärmerisch, will Ramona das große und das kleine Glück finden und festhalten, zusammen mit ihrem Werni, der zwar manchmal nervt, aber einfach zu ihr gehört. Und wenn Ramona an Bord der Aldi-Ida das Titanic-Feeling überkommt, ist Werni wie immer  liebevoll an ihrer Seite, um sie zu erden. 

Auf ihrer Reise ins Blaue, die dank Zugausfall und Flughafenstreik schon zu Beginn reichlich Abenteuer verspricht, begegnet das chaotische Trio allerlei seltsamen Gestalten. Frank Brunet wird auf der Reise zum wiederkehrenden Geist. Es ist wie so oft im Leben: man begegnet irgendwie immer dieselben Typen, egal, wie weit man reist. Frank Brunet verkörpert mit liebenswürdigem Charme, sprühender Energie und faszinierender Dreistigkeit den türkischstämmigen Taxifahrer ebenso überzeugend wie den angeschmachteten italienischen Busfahrer, den frauenfreundlichen Fitness-Detlef oder einen etwas labilen Kapitän mit eindeutigen Absichten. Beim geheimen G3-Gipfel auf der Aldi-Ida gibt er den mürrischen Putin, der leider etwas blass bleibt gegen die gelungene Trump-Parodie von Wolfgang Flieder: das singende, schimpfende Goldlöckchen. Dass Merkel wegen der beiden Männer viel mehr mit den Krisen dieser Welt zu tun hat, als man glaubt, erfährt der Zuschauer ebenso, wie die Strategie der Kanzlerin, die Wahl auf das Urlaubsschiff zu verlegen. Seit Jahren ist Margit Meller eine wunderbare Merkel, sogar wenn sie über die Reling kotzt.

Als eifrige Journalistin der KOZ quetscht Dagmar Gelbke aus der urlaubsreifen Kanzlerin gewitzt ein paar kleine Geheimnisse heraus und feilt so an ihrer Karriere. Dass ihr auf dem Schiff noch einige tot geglaubte Promis begegnen, bringt sie vollends aus der Fassung. Ob Amy Winehouse, Michael Jackson oder Elvis - sie lassen alte Zeiten musikalisch neu aufleben und fordern die besten musikalischen Seiten der Akteure heraus. Wenn Dagmar Gelbke als Tina Turner im Glitzer-Mini-Kleid rauchig-lasziv die Bühne erobert und Elvis Fressley die Metamorphose vom Rockstar zum Sumo-Ringer erlebt,  bleibt im Publikum kein Auge trocken.

Ulli Schreiner als musikalischer Leiter hat seinen Oderhähne wieder einmal bekannte Melodien neu auf den Leib geschneidert. Rasant, unterhaltsam und musikalisch abwechslungsreich ist das Stück reichlich mit Liedern bestückt, die ins Ohr und ins Herz gehen. Unter der Choreografie von Maik Damboldt  wird die Aldi-Ida sogar zum Kahn der tanzenden Urlauber.

Das Unglück bleibt aus, auch wenn die Überraschungen an Bord reichlich sind. Und am Ende heißt es: Freunde, wir sind nicht ertrunken! Freut euch, dass ihr lebt! Ein unterhaltsamer Abend geht viel zu früh vorbei. Es bleibt die Vorfreude auf eine neue Reise im nächsten Sommer. Wer es so lange nicht ohne Oderhähne-Reisegesellschaft aushält, der hat Gelegenheit, die Inszenierung nach der Spielpause auch einmal im Kaberettkeller zu erleben.

Rita Klemt