Beteiligtsein

Wer nicht zur Wahl geht, darf hinterher genauso meckern wie vorher. Darf Frust schieben, Gewählte und nicht Gewählte kritisieren und Vorschläge machen. Es gibt keinen Maulkorb für Verweigerung und es gibt nicht das komfortable Abschieben der Schuld an einem vermeintlich falschen Wahlergebnis auf die, die nicht daran mitgewirkt haben.

Deren gute oder schlechte Gründe verschwinden auch nicht, indem man Menschen mundtot macht. Wer davon träumt, hat Demokratie nicht verstanden. Sie ist kein Knüppel - jedenfalls sollte sie keiner sein. Sie ist auch nicht nur der Gang ins Wahllokal. Ihre Aufgabe ist es, widerstreitende Interessen gewaltfrei auszugleichen, die berechtigten Anliegen von Minderheiten zu schützen und Dinge, die alle angehen, durch alle klären zu lassen, indem sie Möglichkeiten der Mitwirkung schafft.

Wer beiseite tritt, weil längst nicht alles zur Wahl steht, was zur Wahl stehen sollte, ist deshalb noch kein Feind der Demokratie. Wer allerdings wählen geht, kann sagen: Ich habe Verantwortung mitübernommen, weil ich das wollte. Beteiligtsein ist wichtig für mich. Ich bezeuge denen Respekt, die sich der Wahl stellen, selbst wenn ein anderer gewinnt, als jener, für den ich gestimmt habe.

Noch bevor ich irgendwem mein Vertrauen schenke, habe ich eine andere grundsätzliche Wahl getroffen: dabei zu sein. Mit der Wahl des Oberbürgermeisters werden Weichen für die nächste Zukunft gestellt - nicht irgendwo, sondern in der eigenen Stadt. Es ist keine Pflicht, daran mitzutun. Aber es ist immerhin eine Chance.

Henry-Martin Klemt